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Abiturfeier 2002

Rede des Schulleiters Klaus Braun für die Abiturfeier am 21.06. 2002

Das Abitur 2002 der Anita-Lichtenstein-Gesamtschule findet heute seinen feierlichen Abschluss. Für die Anita-Lichtenstein-Gesamtschule ist dies der dritte Abitur-Jahrgang in der jungen Geschichte der Schule. So freue ich mich, dass wiederum zahlreiche Gäste zu dieser Feier den Weg zu uns gefunden haben. Seien Sie alle ganz herzlich begrüßt und willkommen. Wenn ich aus der Schar der Gäste den Bürgermeister unserer Stadt, Herrn Franz Beemelmanns, namentlich erwähne, dann soll dies unterstreichen, dass heute auch der dritte Abiturjahrgang einer Schule in städtischer Trägerschaft feierlich verabschiedet wird. Die Unterschrift des Bürgermeisters der Stadt Geilenkirchen unter den Abiturzeugnissen zeigt nicht nur symbolisch, dass die gymnasiale Oberstufe der Anita-Lichtenstein-Gesamtschule die erste städtische Einrichtung dieser Art in Geilenkirchen ist.

Ein besonderer Gruß gilt natürlich den Abiturientinnen und den Abiturienten mit ihren Eltern, Großeltern, Bekannten und Freunden. Ich wünsche uns allen mit den Gästen aus Politik, den Kirchen, den Banken und Vertretern der Schulen eine schöne Feierstunde. Vor dieser Feier ist in einem ökumenischen Gottesdienst schon Dank gesagt worden. Das möchte ich hier bewusst nochmals in dieser Feier tun.

Ein wichtiges Ziel erreicht man immer nur, wenn man sich selbst anstrengt und gute Wegbegleiter an seiner Seite hatte. Wer auch immer diese wichtige Rolle in ihrem Leben, liebe Abiturientinnen und Abiturienten, angenommen hat, dem gilt nicht nur in dieser Stunde ein besonderer Dank!

Der japanische Spruch „ Kein Weg ist zu lang, mit Freunden an deiner Seite“ wird auch nach dieser Feierstunde gelten. In diesen Dank möchte ich aber als Schulleiter das Team aus Kolleginnen und Kollegen und Mitarbeitern dieser Schule einschließen. Was diese Wegbegleiter vor allem in der letzten Phase, aber eben nicht nur in dieser, geleistet haben, findet meine uneingeschränkte Hochachtung. Wenn ich auch hier zwei Kollegen namentlich erwähne, dann schmälert dies nicht die Leistung des gesamten Teams. So möchte ich mich bei meinem Abteilungsleiter Guido Beisner und dem Tutor dieses Abiturjahrganges Bernd Bonus besonders bedanken. Sie beide haben nun wirklich alles gegeben, sie waren in jeder Hinsicht vorbildlich in ihrem pädagogischen Engagement. Dieser Jahrgang, lieber Bernd Bonus, war im wahrsten Sinne, „Dein Jahrgang“.

In dieser Stunde ist es mir ein Anliegen, auch dieser zu gedenken, die jetzt auch gern gefeiert hätten, denen dies jedoch verwehrt ist. Ich sehe immer noch den Spruch über einem Eingang des Gutenberg-Gymnasiums in Erfurt „Lerne, um zu leben“ Als diese schreckliche Tat in Erfurt geschah, waren die Vorbereitungen an unserer Schule für das schriftliche Abitur abgeschlossen, die Klausuren standen kurz bevor. So wundert es nicht, wenn ich auch im Vorwort zu der Abiturschrift des Jahres 2002 auf das Motto des Gutenberg-Gymnasiums verweise und an die Toten von Erfurt und die Lehrerinnen und Lehrer sowie Schülerinnen und Schüler, die diese Tat erlebten, erinnere.

Der Abiturjahrgang 2002 ist untrennbar mit diesem Ereignis verbunden. Doch diese Verbindung soll den Blick nicht verschließen auf die Leistungen dieses Abiturjahrganges 2002 der Anita-Lichtenstein-Gesamtschule.
Sie waren eine sehr gute Lebens-, Leidens- und Leistungsgemeinschaft. Sie können stolz sein auf das Erreichte! Danken möchte ich Ihnen für die sympathische Art, in der Sie diese Schule als Ihre Schule mitgestaltet haben.

Der Satz von Seneca
„Non vitae, sed scholae discimus“ (Nicht für das Leben, sondern für die Schule lernen wir) ist im Laufe der Geschichte in ihr Gegenteil „Non scholae, sed vitae discimus“ (Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir) verkehrt worden. Was Seneca als bittere Anklage verstand, ist heute umgekehrt und zu einem biederen Programmspruch geworden. Die Diskussion darüber, was für das Leben wichtig ist und was die Schule zu vermitteln hat wird nie enden.

Auf dem Hintergrund der Ergebnisse der Pisa-Studie und dem schlechten Abschneiden der Leistungen deutscher Schüler, wird etwas erneut diskutiert, was in der Geschichte der Bundesrepublik schon intensiv 1970 durch den deutschen Bildungsrat in Leitzielen auf den Punkt gebracht wurde. Auch frühe Erkenntnisse von Georg Picht, festgehalten in einem Artikel mit dem Titel „ Die deutsche Bildungskatastrophe“ sind nicht konsequent umgesetzt worden. So entdeckt man heute scheinbar neu, dass es einen Zusammenhang zwischen familiären und sozialen Faktoren und Lernerfolg gibt. Das aber haben Studien von Rutter und Jencks schon in den 70er Jahren eindeutig belegt.

Der Satz von Jencks „ Die Verbindung von Freiheit mit Chancengleichheit ist ein politisches Problem; sie kann nicht durch Schulen und Curricula erzwungen werden“, ist eine Erkenntnis, die unbequem ist. Vor allem, weil deutlich wird, dass nicht die Schule aus sich die politischen Rahmenbedingungen selbst schaffen kann. Zwei sehr aktuelle Aussagen von Prof. Klaus Klemm, Bildungsforscher der Uni Essen sollen das Bild der aktuellen Diskussion abrunden, sicher nicht abschließen. Prof. Klemm diskutierte am 22.Mai 2002 im Technologiezentrum Aachen über Ergebnisse und Konsequenzen der Pisa-Studie. Auf die Frage, warum die Mängel des deutschen Schulwesens, die doch schon Anfang der 70er Jahren bekannt waren, erst jetzt wieder thematisiert werden, antwortete er wörtlich:
„Erstens hat die Mehrheit immer geglaubt, durch das leistungsmäßig gegliederte Schulsystem sichern wir Qualität. Zweitens haben wir bis heute keine außerschulischen Signale bekommen. Unser Wirtschaftssystem produziert ja nach wie vor hochwertige Produkte und ist im Export weltmeisterlich.“ Auf den Zwischenruf, die Wirtschaft klage doch seit Jahren über zu schlechte Schüler, antwortete er:
„Das tut sie seit 300 Jahren, und die Hochschulen seit 200 Jahren“. “Erstaunlich, so gesehen ist, dass in so einem Land noch jemand lesen kann!“

Sie, liebe Abiturientinnen und Abiturienten, werden diese Diskussion nun nur noch als ehemalige Schüler erleben. Ihre Leistungen sind unbestreitbar, mehrfach geprüft und kontrolliert auf einem sehr hohen Niveau. Die Zweitkorrekturen durch Kollegen einer anderen gymnasialen Oberstufe, die in NRW seit Jahren vorgeschrieben sind, haben keinerlei Abweichungen feststellen können. So kann ich getrost zu der scheinbar fundamentalen Frage zurück kommen, was trägt Schule fürs Leben bei, bzw. soll sie beitragen. In einem Spiegelartikel „ Dumm gelaufen, die neue deutsche Bildungskatastrophe“ äußern sich Prominente zu ihrer Erfahrung mit Prägungen durch die Schule. Ich will drei zitieren:
SANDRA MAISCHBERGER, Journalistin:
„Ich habe nur für das Leben gelernt: Denken, Lernen, Diskutieren, Druck aushalten, Gegendruck erzeugen, Streiten, Täuschen, Ablenken beherrsche ich heute besser als die unregelmäßigen Verben in Latein“.

WOLFGANG JOOP, Modedesigner:
„Na ja! Englisch habe ich erst in New York gelernt, von Erdkunde habe ich heute noch keinen blassen Schimmer. Gelernt habe ich, mich diplomatisch und charmant zu geben und zu gefallen. Ich habe aber auch die persönlichen Schwächen der Lehrer erspürt und dann ausgenutzt - alles, damit meine Noten nicht gar so schlecht ausfielen.“

MANFRED KRUG, Schauspieler:
„Außerhalb der Schule habe ich fürs Leben sicher mehr gelernt, etwa Schrott sammeln, klauen, Seifenkisten bauen.“

Interessant wäre es, später einmal zu erfahren, liebe Abiturientinnen und Abiturienten, was Ihre Erfahrungen mit Schule sind und speziell mit dieser. Sicher ist, dass das Lernen mit dem Abitur nicht zuende ist. Vielleicht verzichten Sie aber darauf, Lernerfahrungen im Sinne von Manfred Krugs „Klauerfahrung“ zu machen . Ich wünsche Ihnen allen, liebe Abiturientinnen und Abiturienten, viel Glück und Kraft für das, was nun ansteht.
Für einige ist es ein Studium, für andere eine berufliche Ausbildung. Ich hoffe, dass Sie dennoch vieles mitnehmen können, was Sie in Schule erlernt und erfahren haben!

 

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