Entlassungsfeier 2001

Rede des Schulleiters zur Entlassungsfeier 2001

Liebe Entlassschülerinnen und Entlassschüler, liebe Eltern, sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen, meine Damen und Herren,

junge Menschen aus der Schule zu entlassen, das bedeutet immer auch das Abschiednehmen eines Teils unseres Lebens, in dem wir miteinander eine kurze Wegstrecke gegangen sind und
füreinander sehr nahe da waren.
Zwar lässt euch die Schulpflicht noch nicht ganz los. Die Berufschule wartet noch auf euch oder ihr bleibt noch hier mit der Absicht Abitur zu machen. Doch ein mühsamer Gipfel ist erreicht. Der Weg war mühsam und manchmal auch durch Umwege oder gar Sackgassen nicht immer einfach. Auf einem so erklommenen Gipfel hat man Zeit für eine Rast, für einen Blick zurück auf den Weg und auch in die Ferne, wo es lohnende Ziele für künftige Bergtouren gibt. Im Rückblick sollten wir keinesfalls das Verdienst der Eltern und Wegbegleiter vergessen.

 

Wie viel Mühe und Geduld haben sie in all diesen Jahren aufwenden müssen, um euch zu diesem Abschuss zu bringen.
Um in meinem Bergsteigerbild zu bleiben: Wie oft haben Wegbegleiter euch ermuntern müssen, damit ihr unterwegs nicht ???????????????????.
Nicht verschweigen möchte ich auch, wie sehr wir Lehrer und die übrigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter am heutigen Tag erleichtert sind, dass ihr es geschafft habt. Als Schulleiter möchte ich von dieser Stelle Dank sagen an die Mannschaft der Lehrerinnen und Lehrer. Vor allen ab der letzten Phase haben die Klassenlehrer: Herr Bölingen, Frau Engländer, Herr Nieren und Frau Opdenberg mit dem Abteilungsleiter, Herrn Gaab und der Beratungslehrerin Frau Schnock in aufreibender Arbeit bis zu dieser Feier sich eingebracht. Zum Ende des sogenannten Schülerstreichs haben Klassenlehrer mit recht gesagt, sie können stolz auf euch sein! Das kann ich nur bestätigen. Hier spürte ich ganz deutlich, dass ihr Wesentliches gelernt habt.

Nun ja, dass das nicht unbedingt für einen leidgeprüften Mathematiklehrer Klaus Braun immer glückliche Momente in seinem Lehrerleben waren, gebe ich ja zu. Wenn ihr jetzt liebe Schülerinnen/Schüler einen weiteren Abschnitt auf dem Weg durchs Leben beginnt, solltet ihr nicht nur an euer Motto Independence zurückdenken, sondern auch an eure soziale Verpflichtung denken. Soziale Verpflichtung – das ist beileibe kein hohes Wort- auch wenn es leider heute in manchen Ohren so klingen mag. Es bedeutet auch nicht unbedingt, während der Mathematik- oder Englischarbeit vom Nachbarn abschreiben zu lassen, nein – soziale Verpflichtung, das ist einfach der Punkt, so es darauf ankommt, eure Fähigkeit, Freiheit und Unabhängigkeit zu wollen und zu gebrauchen, nicht zur Bloßen Ellenbogenfreiheit verkommen zu lassen, zu einer Radfahrermentalität, wo nach oben gebuckelt wird und nach unten getreten. Auch diese Einsicht haben wir versucht euch deutlich zu machen – und ich hoffe und glaube, dass uns dies gelungen ist.

Bei meiner Vorbereitung zu dieser Entlassrede und der Abiturrede habe ich mir wieder überlegt, wie so oft schon, welche wichtigen Regeln im Zusammenleben gelten noch in zwanzig und vierzig Jahren. Vieles von den Regeln der englischen Grammatik, der mathematischen Gesetze, die wir versucht haben euch beizubringen gelten dann noch. Doch sie sind nicht eigentlich wichtig, wenn es um Spielregeln des menschlichen Zusammenlebens geht. Dabei fiel mir eine Anekdote ein, die ich vor Jahren gelesen hatte und die das was ich zur sozialen Verantwortung deutlich macht was Lebens – und Schulzeiten überdauern wird und muss.
Anekdote:
Ein Weiser mit Namen Choni ging einmal über Land und sah einen Mann, der einen Johannisbrotbaum pflanzte. Er blieb bei ihm stehen und sah ihm zu und fragte:“ Wann wird das Bäumchen wohl Früchte tragen?“
Der Mann erwiderte: „In siebzig Jahren.“
Da sprach der Weise: „Du Tor! Denkst du in siebzig Jahren noch zu leben und die Früchte deiner Arbeit zu genießen? Pflanze lieber einen Baum, der früher Früchte trägt, dass du dich ihrer erfreust in deinem Leben.“
Der Mann aber hatte sein Werk vollendet und sah freudig darauf, und er antwortete: „Rabbi, als ich zur Welt kam, da fand ich Johannesbrotbäume und aß von ihnen, ohne dass ich sie gepflanzt hatte, denn das hatten meine Väter getan. Habe ich nun genossen, wo ich nicht gearbeitet habe, so will ich einen Baum pflanzen für meine Kinder oder Enkel, dass sie davon genießen. Wir Menschen können nur bestehen, wenn einer dem anderen die Hand reicht.....“

Reicht dem andern die Hand, der Eure Hilfe braucht, dass können Menschen sein, die ihr am Arbeitsplatz trefft, neue Klassenkameraden . Das können Alte oder Behinderte sein, Arbeitslose, Ausländer. Reicht anderen die helfende Hand und nehmt Rücksicht und nicht die Ellbogen. Wobei Rücksichtnahme – wie die Legende mit den Johannesbrotbäumchen zeigt – nicht nur gegenüber den Mitmenschen nötig ist, sondern auch gegenüber künftigen Generationen.

Noch etwas wünsche ich Euch:
Wir Menschen neigen nun einmal dazu, das was wir haben, gedankenlos zu konsumieren, statt es zu genießen und dankbar zu sein. Der Gesunde hat viele Wünsche, der Krank nur einen. Dieser Satz ist mir nicht mehr aus dem Kopf gegangen, als vor Jahren ein guter Freund schwer erkrankte und schließlich starb. Dabei geht es auch manchmal darum, nicht alles durchsetzen zu wollen, wozu wir glauben Recht zu haben, uns für einen Fehler zu entschuldigen. Durch ein solches Einverständnis verlieren wir nicht unser Gesicht, sondern die Maske vor unserem Gericht. Wie die anderen Menschen auf uns reagieren, das hängt wesentlich auch von uns selber ab. Eine abschließende Fabel aus Indien zeigt das recht anschaulich und braucht keinerlei Erklärung oder Deutung.
Eines Tages kam ein Hund in den Tempel der tausend Spiegel. Er schaute in tausend Spiegel, sah tausend Hunde, bekam Angst, knurrte, zog den Schwanz ein und verließ den Tempel in der Überzeugung: die Welt ist voll böser Hunde. Kurze Zeit später kam ein anderer Hund in den gleichen Tempel, sah in tausend Spiegeln tausend Hunde, freute sich darüber, wedelte mit dem Schwanz und verließ den Tempel mit dem Bewusstsein: die Welt ist voll freundlicher Hunde.

Zum Ende
Ich bin mir sicher, dass alle – diejenigen, die jetzt in eine Berufsausbildung treten, die noch weitere schulische Abschlüsse erwerben wollen, hier oder an einer anderen Schule und vor allem die, die jetzt noch keinen Ausbildungsplatz haben – ihr werdet alle euren Weg machen. Die Voraussetzungen habt ihr erworben. Ich wünsche euch Glück dazu.
Ich danke ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.